W u n d e r     K i n d
Manchmal erfasst mich, wenn ich um mich blicke, ein Gefühl tiefster Bestürzung. Denn in der Verwirrung, die heut über der Welt liegt, erkenne ich eine Missachtung der wesentlichen Werte des Lebens. In jeder Sekunde leben wir in einem neuen Augenblick des Universums, einem Augenblick, der nie da war und nie wieder sein wird.

Und was bringen wir unseren Kindern in der Schule bei? Dass zwei mal zwei vier ist, und dass die Hauptstadt von Frankreich Paris heißt.

Wann werden wir ihnen darüber hinaus beibringen, was sie sind? Wir müssten jedem einzelnen von ihnen sagen: Weißt du, was du bist? Du bist ein Wunder, du bist einzig in deiner Art. Auf der ganzen Welt gibt es kein anderes Kind, das dir genau gleich käme; in den Millionen Jahren, die hinter uns liegen, hat es noch nie ein Kind wie dich gegeben. Und sieh dir deinen Körper an, was für ein Wunder der ist - deine Beine, deine Arme, deine geschickten Finger, deine Bewegungen,

Du kannst eine Shakespeare werden, ein Michelangelo oder ein Beethoven. Du hast in dir alle Möglichkeiten, ja, du bist ein Wunder, und wenn du einmal groß bist, kannst du dann einem anderen Wesen Schaden zufügen, das genau wie du ein Wunder ist?

Du musst tun, was du kannst, wir alle müssen tun, was wir können, damit diese Welt ihrer Kinder würdig wird!

                                                                                                   Glenn Gould

Vom Schenken

Schenke groß oder klein, aber immer gediegen. Wenn die Bedachten die Gabe wiegen, sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei. Schenke dabei, was in dir wohnt an Meinung, Geschmack und Humor, sodass die eigene Freude zuvor dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List. Sei eingedenk, dass dein Geschenk du selber bist.

                                                                                               Joachim Ringelnatz

                                                                                                               

                          A d v e n t

 

Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken,

Schneeflöcklein leis herniedersinken.

Auf Edeltännleins grünem Wipfel

häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.

Und dort vom Fenster her durchbricht

den dunklen Tann ein warmes Licht.

Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer

die Försterin im Herrenzimmer.

In dieser wunderschönen Nacht

hat sie den Förster umgebracht.

              Er war ihr bei des Heimes Pflege

 seit langer Zeit schon sehr im Wege.

So kam sie mit sich überein:

am Niklasabend muss es sein.

Und als das Rehlein ging zur Ruh’,

das Häslein tat die Augen zu,

erlegte sie direkt von vorn

den Gatten über Kimm und Korn.

Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase

zwei-, drei- viermal die Schnuppernase

und ruhet weiter süß im Dunkeln,

derweil die Sternlein traulich funkeln.

Und in der guten Stube drinnen

das läuft des Försters Blut von hinnen.

Nun muss die Försterin sich eilen,

den Gatten sauber zu zerteilen.

Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen

nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.

Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied

(was der Gemahl bisher vermied) -,

behält ein Teil Filet zurück

als festtägliches Bratenstück

und packt zum Schluss, es geht auf Vier,

die Reste in Geschenkpapier.

Da tönt’s von fern wie Silberschellen.

im Dorfe hört man Hunde bellen.

Wer ist’s, der in so tiefer Nacht

im Schnee noch seine Runde macht?

Knecht Ruprecht  mit goldnem Schlitten

auf einem Hirsch herangeritten!

„He, gute Frau, habt ihr noch

die armen Menschen Freude machen?“

Des Försters Haus ist tief verschneit,

doch seine Frau steht schon bereit:
“Die sechs Pakete, heil’ger Mann,

s’ist alles, was ich geben kann.“

Die Silberschellen klingen leise,

Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.

Im Försterhaus die Kerze brennt,

             ein Sternlein blinkt – es ist Advent.

                                                                                                                                      (Loriot)

Liebe alles!

Liebe Gottes gesamte Schöpfung,

als ganzes und jedes

einzelne Sandkorn darin.

Liebe jedes Blatt,

jeden Strahl von Gottes Licht.

Liebe die Tiere,

liebe die Pflanzen, liebe alles.

Wenn du alles

und jeden Einzelnen liebst,

spürst du irgendwann

das göttliche Geheimnis in den Dingen.

Wenn du es erst einmal gespürt hast,

wirst du es von Tag zu Tag

immer besser verstehen.

Und schließlich

liebst du die ganze Welt

mit einer alles umarmenden Liebe.

                                                       Fjodor Dostojewski

Glückes genug

Wenn sanft du mir im Arme schliefst

ich deinen Atem hören konnte,

im Traum du meinen Namen riefst,

um deinen Mund ein Lächeln sonnte -

Glückes genug.

Und wenn nach heißem, ernsten Tag

du mir verscheuchst schwere Sorgen,

und wenn ich an deinem Herzen lag

und nicht mehr dachte an einen Morgen -

Glückes genug.

                                                                                        Detlev von Liliencron

L e b e n d i g

Es kommt eine Zukunft, da werden nicht nur einige, sondern fast alle erkennen, dass der innere Mensch, der lange vernachlässigt wurde, einen großen Wert hat und gepflegt werden muss.

Unterm Strich wird es nicht um Finanzen gehen, sondern um die Gesundheit der Seele. Profit wird hinter der Entwicklung der Persönlichkeit zweitrangig sein, und Sicherheit wird an guten Beziehungen gemessen werden und nich an der Höhe der Pension.

Lasst uns das hoch schätzen, wo Leben stattfindet, und uns füreinander öffnen und für die Entfaltung dessen, was möglich ist, für die Gesundung im Körper, in der Seele und im Geist, für die Ausdehnung Gottes in unserem Leben.

Es gibt keinen Ersatz für wirkliche Lebendigkeit. Lasst uns die Angebote ablehnen, bei denen von uns erwartrt wird, das abzulegen, was wir tief in uns als richtig erkannt haben.

Dies ist unser Leben, das einzige, das wir zu steuern und zu führen haben.

                                                                     Ulrich Scheffler

Ich liebe den Wald

Ich liebe den Wald und sein ewiges Schweigen, die blühende Heide, das Wollgras im Moor, die tanzenden Mücken im wirbelnden Reigen, der lustigen Grillen hellzirpender Chor.

Ich liebe den Wind, wenn er raunt in den Bäumen, die Lieder der Vögel im dichten Geäst, wenn schillernde Falter im Spiel sich vereinen, bevor uns der Tag dann am Abend verlässt.

Ich liebe die Wolken, den Mond und sie Sterne, den Brunftschrei der Hirsche im herbstlichen Wald, die Blume im Garten, die lockende Ferne, das Rufen des Taubers, der gurrend verhallt.

Ich liebe den Raureif an froststarren Ästen, das Knirschen der Schritte im funkelnden Schnee und später die sinkende Sonne im Westen, ihr schimmerndes Licht auf gefrorenem See.

Ich liebe den Wald und sein ewiges Schweigen, die blühende Heide, das Wollgras im Moor - und will ich vor'm Herrgott in Ehrfurcht mich neigen, schau ich zu den Gipfeln der Berge empor.

                                                                                            Ortwin Kuhn

Segenswunsch

 

Ich wünsche dir

dass du deinen Tag lächelnd beginnen kannst

in froher Erwartung all der vielfältigen Aufgaben

die auf dich warten,

und all der Begegnungen, die dir geschenkt werden;

dass du aber auch die nötige Geduld hast,

das zu ertragen, was dir lästig ist

oder was dir überflüssig erscheint.

 

Ich wünsche dir

dass du die Anforderungen nicht als Einengung erlebst,

die Aufgaben und Menschen an dich stellen,

sondern in Gespräch und Auseinandersetzung

mit ihnen Freiheit erfährst,

eine Freiheit, die nicht losgelöst ist von Bindungen,

sondern die gerade in Bindungen und Beziehungen entsteht.

 

Ich wünsche dir

dass dich auf all deinen Wegen ein Engel umgibt,

der dich behütet in allem, was dich ängstigt und bedroht

und dich bewahrt

vor einem Überschuss an Schmerz und Schuld.

 

Ich wünsche dir

dass dir die Nacht Ruhe schenkt,

dass du dich in den Schlaf sinken lassen kannst

und dass friedliche Träume

ihre Bilder aufsteigen lassen in deiner Seele

und dir neue Kräfte zuströmen für den kommenden Tag.

                                        Christa Spilling-Nöker

 

Das Zahnweh 

Das Zahnweh, subjektiv genommen, 

ist ohne Zweifel unwillkommen, 

doch hat’s die gute Eigenschaft, 

daß sich dabei die Lebenskraft, 

die man nach außen oft verschwendet, 

auf einen Punkt nach innen wendet 

und hier energisch konzentriert. 

Kaum wird der erste Stich verspürt, 

kaum fühlt man das bekannte Bohren, 

das Rucken, Zucken und Rumoren – 

und aus ist’s mit der Weltgeschichte, 

die Steuern und das Einmaleins, 

kurz jede Form gewohnten Seins, 

die sonst real erscheint und wichtig, 

wird plötzlich wesenlos und nichtig. 

Ja, selbst die alte Liebe rostet- 

Man weiß nicht was die Butter kostet- 

Denn in der engen Höhle 

Des Backenzahnes wohnt die Seele, 

und unter Toben und Gesaus 

       reift derer Entschluss: Er muss heraus ! 

Wilhelm Busch 

Die Selbstkritik

Die Selbstkritik hat viel für sich.

Gesetzt den Fall, ich tadle mich,

So hab ich erstens den Gewinn,

Daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut',

Der Mann ist lauter Redlichkeit;

Auch schnapp ich drittens diesen Bissen

Vorweg den andern Kritikküssen;

Und viertens hoff' ich außerdem

Auf Widerspruch, der mir genehm.

So kommt es denn zuletzt heraus,

Daß ich ein ganz famoses Haus.

Wilhelm Busch

Witzbolde

Es gibt eine Sorte von Menschen -

von zwanzig sind's wohl mehr als zehn! -

die fragen dich, wenn sie dich treffen

(egal, wo es ist): "Kennen Sie den?"

 

Und dann erzählen sie Witze,

Witze am laufenden Band,

die einen, die sind nicht zum Lachen,

die anderen sind dir bekannt.

 

Die besseren davon sind politisch,

die meisten aber  o b z ö n.

Du windest dich höflich und stammelst:

"Wie lustig! Wie lustig! Wie schön!"

 

Laut lachend verschwinden die Bolde,

stolz über ihren Humor -

dabei besitzen sie keinen:

es kommt ihnen nur so vor.

Heinz Erhard

Diebstahl

Man hat mir einen Witz geklaut.

Den besten, den ich kannte.

Ich hatte ihn von meiner Braut

und die von ihrer Tante.

 

Der Witz war alt. Doch wenn ich ihn

im Freundeskreise brachte,

dann hörte jeder gerne hin

und freute sich und lachte.

 

Dann hat mir diesen Witz

mein bester Freund gestohlen

und hat mir seinen Diebsbesitz

ein halbes Jahr verhohlen.

 

Doch gestern hab ich ihn bei Schmitts

auf frischer Tat erwischt:

Da hat der Kerl doch meinen Witz

als seinen aufgetischt.

 

Ich saß dabei und tat geqüält

(denn wie er ausgeht, wußte ich)

und fand den Witz, von ihm erzählt,

auch nicht ein bißchen lustig.

Dieter Höss


                                                                                   

 

 

     

 

 

 

 

 

                                                                                                                                                                  

 

 

 

 

 

 

 

 

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